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Gut präsentiert, ist halb gefreit

Präsentieren will gelernt sein. Bekommt man die Chance von der Dozentin, sich darin zu üben, sollte man(n und frau) zugreifen. Das taten Carina und Markus, beides Absolventen der Koblenzer VWA, während ihres Bachelorstudiums. Mit unerwarteten Nebenwirkungen...

In für die Eifel typischer Satzmelodie schildert Markus Lanser seinen Werdegang, als der vom Interviewer abfragt wird. Der ist spektakulärer, als es Markus‘ (Jahrgang 1991) Präsentation vermuten lässt.

2010 erlangte er die Allgemeine Hochschulreife an der berufsbildenden Carl-Burger-Schule in Mayen. Hatte dafür den betriebswirtschaftlichen Leistungskurs belegt, „jede Menge kaufmännische Inhalte schon zum Abitur intus“. Das war weitsichtig, wie sich herausstellte.

Denn Markus´ Berufsausbildung zum Industriekaufmann verkürzte sich dank der Vorkenntnisse glatt um ein halbes Jahr. Die machte er beim Energieversorger RWE. Deshalb, „weil ich mir sicher war, dass eine Ausbildung bei einem DAX-Unternehmen hochwertiger und vielfältiger sein würde“. 

Das focht ihn aber nicht an, knapp einen Monat nach Lehrbeginn parallel ein Studium an der VWA Koblenz zu starten. Das Mittelrhein-Modell hatte es ihm angetan: Den entscheidenden Tipp dafür gab sein BWL-Lehrer an der Carl-Burger-Schule, eine Schulfreundin machte sich mit ihm auf den gleichen Weg. 

Als er 2013 den Abschluss als Betriebswirt (VWA) sein Eigen nennen durfte, war er erst mal blank. Auch wenn seine Eltern die Kosten für das Studium trugen, musste das Lehrlingsgeld halt noch für Fahrgeld nach Koblenz zur VWA und für die 120 km täglich zur Arbeit reichen, für Mietneben- und sonstige Lebenshaltungskosten. Eine enge Nummer. „Das war mir aber die Sache wert, wollte das beste Rüstzeug für einen vernünftigen Start ins Berufsleben.“

Zur Flaute in der Kasse kam, dass Markus in den Monaten vorm Examen privat auch viel zurückstecken musste. Deshalb verordnete er sich erst einmal, das zu machen, was alle anderen nach Ende der Lehre auch tun: Er arbeitete. Bei RWE. Gut ein Jahr. Dann wurde sein Bereich outgesourct.

Grund genug für ihn, anderen Ufern zuzustreben. Er suchte und fand einen Job bei einer Metallhandelsfirma in der Region. „Nicht irgendeine, sondern dem Marktführer, mit Börsen Hedging und allem Drum und Dran.“ Da konnte er im kleinen Team von 20 Leuten seine kaufmännischen Kenntnisse umfassend anwenden und erweitern, weil er gleich viel Verantwortung bekam. „Das war spannend.“ 

Für den Job hatte ihn ein Bekannter aus dem VWA-Studium empfohlen, der selbst dort seit ein paar Monaten arbeitete. Pascal Perse selbst hatte sofort nach dem Betriebswirt seinen Bachelor gemacht „und legte mir dann ein Jahr lang nahe, ich solle das auch tun“. 

Markus folgte dem Rat des Freundes, mit eher ungewöhnlicher Begründung: „Ich hatte genug gespart und war ausgeruht.“ 2015 begann er damit an der FH Südwestfalen, die als Kooperationspartner der Koblenzer VWA fungierte. Dieses Mal setzte auch seine Firma auf Markus‘ Qualifizierungsdrang und übernahm die Kosten. 

Das Studium sei Dank sehr guter Dozenten, wie z. B. Professor Michael Bender von der FH Zweibrücken, ausgesprochen anspruchsvoll gewesen. Aus Markus‘ Seminar- wurde eine Bachelorarbeit über „Enterprise Resource Planning“; kurz ERP. Er entwickelte damit für kleine und mittelständische Unternehmen einen Leitfaden, um solche ERP-Systeme effektiv einführen und anwenden zu können. Das Thema war für ihn wie auch seinen Arbeitgeber interessant, „aber leider kam dann aber aus betrieblichen Gründen kein solches System bei uns zur Anwendung.“ 

Nutzen hat Lanser jedoch heute noch davon: Er vermarktet nebenberuflich sein IT-Spezialwissen über seine GmbH namens KSPL, wobei das Akronym für „kaufmännische System- und Prozesslösungen“ steht, und berät Unternehmen zu diesem und angrenzenden Themen.

Doch auch schon nach Abschluss des Studiums machte sich sein Engagement bezahlt: Thyssen-Krupp suchte genauso einen wie Markus mit dessen beruflicher Qualifikation. Er bewarb sich, wurde genommen und ist nun seit Dezember 2017 dabei.

Was für Außenstehende nach genialer Weitsicht klingt, sei höchstens spezieller Pragmatismus, wiegelt Markus ab. Diese Einstellung war dann wohl auch entscheidend, als er sich freiwillig während des Bachelorstudiums meldete, um seine Hausarbeit zu präsentieren. Die Dozentin, Marion Wellens, hatte sich zuvor schon der Unterstützung einer seiner Kommilitoninnen versichert.

Das war Carina Winkel. 

Die gebürtige Irscherin (Kreis Trier-Saarburg), Jahrgang 1983, hatte da schon beachtliche Berufserfahrungen gesammelt. Einst Fremdsprachenassistentin gelernt, dann Speditionskauffrau. Sieben, acht Jahre machte sie den Job: „Dann wollte ich aber nicht mehr nachts rausgeklingelt werden, weil eine Ladung nicht angekommen ist.“

Dafür musste sich aber frau zur Decke strecken. Also strebte auch sie nach den höheren Weihen eines Abschlusses als Betriebswirtin – dies an der VWA Trier. 2011 hatte sie den in der Tasche. Damit bewarb sie sich dann bei der EU. Interessenten müssen sich einem mehrstufigen Auswahlverfahren stellen, zu dem u. a. auch Intelligenztests gehören. Nur sehr wenige von ihnen kommen danach in die engere Auswahl. Carina gehörte dazu und bekam schlussendlich eine Stelle, ist seither Beamtin im Europäische Parlament, arbeitet in Luxemburg-Stadt.

Carinas Ehrgeiz war damit aber nicht final bedient. Doch für eine Position der höheren Beamtenlaufbahn brauchte sie nun mindestens einen Bachelor-Abschluss. Ein erster Anlauf, den in Trier zu machen, lief ins Leere – es fanden sich dort zu wenige Bewerber. Eine Freundin riet ihr, es in Koblenz zu versuchen, wo Vergleichbares geboten werden würde. Das tat sie – und kam so in den gleichen Studiengang wie Markus. 

Carina war übrigens die erste aus der hiesigen VWA-Absolventengilde, die ihre Bachelor-Arbeit auf Englisch einreichte, „deshalb, weil ich fließend diese Sprache beherrsche und meine Quellen eh alle in englischer Sprache waren“. Es ging nämlich um umweltfreundliches Beschaffen von diversen Verbrauchsmaterialien etc. für die EU – englisch kurz und prägnant „Green Public Procurement“ genannt.

Aber noch einmal zurück zum zufällig zustande gekommenen Paarlauf beim Präsentieren: Danach trafen Carina und Markus sich zum gemeinsamen Lernen. Diese durchaus zunächst pragmatische Zweisamkeit bekam jedoch bald eine neue, eine sehr herzbetonte Ebene. Seit sie 2017 standesamtlich beide beeidet „ja“ zueinander sagten, sind sie nun ein Paar.

Carina arbeitet nach dem Abschluss als Bachelor 2017 wieder in der „Generaldirektion Übersetzungen“ in Luxemburg (Stadt) in der IT-Abteilung, checkt die Verträge für externe Spezialisten. 

Seit einigen Monaten sind beide erneut auf Weiterbildungstrip: Dieses Mal ist der Master of Arts Ziel allen Strebens. Wieder eine Kooperation der VWA Koblenz – dieses Mal mit der Hochschule Kaiserlautern als Pilotprojekt, weshalb es auch nur ein achtköpfiger Kurs ist. 

Auf alle Fälle bekamen sie es inzwischen wieder mit der ganz gewiss absichtslos zur Ehestifterin gewordenen Dozentin von einst zu tun. Carina wie Markus prüfen nämlich derweil selbst die Hausarbeiten der Bachelorstudenten und deren Präsentationen. Dafür arbeiten sie nun – auf Augenhöhe – mit Marion Wellens zusammen. 

Such is life.

© Rainer Aschenbrenner, Gotha, 1. Mai 2019
Foto: privat