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Interview mit Akademieleiter Prof. Dr. Kußmaul: „Fels in der Brandung"

Im Oktober verabschiedet die VWA Koblenz 339 Absolventinnen und Absolventen. Seit Jahren sind diese Zahlen stabil. Was das Koblenzer Rezept ist, erklärt Univ.-Professor Dr. Heinz Kußmaul im AKADEMIE-Gespräch. Er ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insb. Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes und Akademieleiter der VWA Rheinland-Pfalz e. V. sowie Studienleiter der VWA Koblenz. 

Koblenz scheint wie ein Fels in jener Brandung, die andere Akademien erodiert. Aus welchem Grund?
Es gibt nicht DEN Grund. Entscheidend war und ist, dass wir schon lange und fest mit der Region und der hiesigen Wirtschaft in einer besonderen Art und Weise verbunden sind. Begonnen hat das vor über 40 Jahren mit dem Mittelrhein-Modell. 
Es war unser Einstieg in Weiterbildungsangebote, die exakt auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten waren. Das VWA-Team stimmt auch heute noch dafür regelmäßig mit Absolventinnen und Absolventen sowie Unternehmen Studienablauf und Lehrinhalte ab – für eine optimale Verknüpfung von Beruf und Studium. Und wir fanden Kooperationspartner, um unsere Angebote immer so erweitern zu können, dass sie wechselnden Anforderungen und Ansprüchen gerecht wurden. Unsere Partner in Wirtschaft und aus der Wissenschaft sind dabei das „Who is who“ der Region. 
Dazu kommt unser sehr guter Dozentenstamm. Nicht zuletzt pflegen wir eine rege und gute Kommunikation zwischen den Studienleitungen, den Akademie-Verwaltungen und den Dozentinnen und Dozenten. 
Das Zusammenspiel dieser Faktoren gelingt augenscheinlich so gut, dass wir weiterempfohlen werden. Diese Mundpropaganda ist unsere wichtigste Referenz, die beste Werbebotschaft. 

Koblenz ist bundesweit eine der größten VWAen. Kaiserslautern und Trier sind hingegen klein und waren in schwerem Fahrwasser...
...aus dem wir mit gemeinsamer Anstrengung herauskamen – selbst wenn die See dort immer noch recht rau ist, um bei diesem Bild zu bleiben.
Eine VWA ist eben auch nur ein Unternehmen: Gibt es eine Delle in der Entwicklung, gehen die Einnahmen runter, muss die Kostenstruktur angepasst werden. Das taten wir. Noch wichtiger aber – wir haben investiert. In Ideen. Deshalb bieten wir jetzt in Kaiserslautern und Trier modulare Modelle an. So können wir auch mit geringeren Studierendenzahlen effektiv und flexibel arbeiten. 

Nun herrscht Fachkräftemangel allerorten. Warum spielt das nicht den VWAen in die Hände, kämpfen andere VWAen ums Überleben?
Die Wirtschaft boomt seit Jahren. Das sorgt zum einen dafür, dass junge Leute meinen, deshalb keine Idee an Weiterbildung verschwenden zu müssen. Überall locken offene Stellen. Und zum anderen meinen viele, sie bräuchten so schnell wie möglich mindestens den Bachelor.

...was aber die Wirtschaft eher anders sieht.
Genau diese Rückkopplung bekamen und bekommen wir von unseren namhaften Netzwerkpartnern. Diese vertriebsnahen und kaufmännisch agierenden Firmen brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit guten Fachkenntnissen, die aber auch ein stabiles Gesamtbild von der Wirklichkeit haben. 
Deshalb waren und sind Frauen und Männer ohne akademische Ausbildung, die noch einmal durchstarten wollen oder die – wie im Mittelrhein-Modell – grundsätzlich Interesse an dualer Ausbildung haben, unsere wichtigste Zielgruppe. So kommen die Wissbegierigen zu uns, die einen neuen Blickwinkel auf die Welt bekommen wollen. Ihnen können wir ökonomische Zusammenhänge, betriebs- und volkswirtschaftliche Kenntnisse und dazu juristisches Basiswissen vermitteln. Wer sich solchen Herausforderungen stellt, ist motiviert, bekommt leuchtende Augen, wenn man das Richtige anbietet. Das ist auch das, was einem als Dozent Freude macht.
Gelegentlich spricht man ja auch vom „Akademisierungswahn“. Eine Folge – die Zahl der Studienabbrecher steigt nach wie vor stark an. Eine Zielgruppe für Sie?
Bisher haben wir sie nicht aktiv umworben. Sie finden sich aber immer wieder in unseren Studiengängen.

Und was ist mit jenen, die nach vielen Berufsjahren noch einmal einen Wechsel wagen wollen?
In einem der jüngsten Studiengänge hatte ich so einen Mann, Mitte 50. Der musste sich richtig durchbeißen. Solche „Spätberufenen“ finden sich zunehmend in allen Weiterbildungsangeboten. Auch die hängen sich rein, müssen aber meist erst wieder das Lernen erlernen. Ihr Vorteil aber ist – sie sind stressresistent und bringen Lebenserfahrung mit. Auch solchen Interessenten bieten wir als VWA eine Chance.

Das klingt, als ob Sie der VWA eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zuschreiben?
Dies wurde der VWA schon 1907 zur Gründung in die Wiege gelegt. Deshalb hat sie auch immer und über alle Krisen Bestand gehabt. Unser Ziel ist es doch, Absolventinnen und Absolventen zu haben, die gesamtverantwortlich denkende und handelnde Menschen sind. Solche, die das Zeug zu Führungskräften haben.
Das Gespräch führte Rainer Aschenbrenner.

Zur VWA Rheinland-Pfalz e.V. 
Es gehören Akademien in Kaiserslautern, Koblenz, Mainz und Trier dazu. Akademieleiter ist Univ.-Professor Dr. Heinz Kußmaul, sein Stellvertreter Univ.-Professor Dr. Jürgen Schröder. 
Studienleiter sind Univ.-Professor Dr. Reinhold Hölscher (Kaiserslautern), Prof. Kußmaul (Koblenz), Prof. Schröder (Mainz) sowie Univ.-Professor Dr. Rolf Weiber (Trier).
Mitglieder der Akademie sind das Land Rheinland-Pfalz, die IHKen, HWKen, die kommunalen Spitzenverbände, die Sitzstädte der Teilanstalten sowie zahlreiche private Unternehmen.

Foto: privat

(Vorabdruck eines Textes aus der AKADEMIE 3-2017, die ab 4. September ausgeliefert wird.)