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„Über den Wolken...“

Motorradfahren schien seiner Frau dereinst zu gefährlich. Also sattelte Klaus Killian auf Gleitschirm um. Seit 1992 hebt er deshalb regelmäßig ab, gibt seine Begeisterung fürs himmlische Vergnügen als Fluglehrer weiter. Der Mann, Jahrgang 1965, ist eben immer für eine Überraschung gut.

Killian ist gelernter Fleischer. Arbeitete lange in dem Beruf. Kam so in den Außendienst. Durfte „Key Account Manager“ auf seine Visitenkarten drucken lassen und versorgte Hinz und Kunz, die Big Names der Supermärkte in seiner Region, mit bester Ware. Bis das vorbei war.

Ein Jahr Arbeitslosigkeit und 230 Bewerbungen später hatte der Bendorfer die Faxen dicke. „Egal, wo ich vorsprach: Immer war eine der ersten Fragen, ob ich betriebswirtschaftliche Qualifikationen nachweisen könne...“ Konnte er nicht. Und selbst, dass Killian den Job als Außendienstler zuvor nicht nur ein paar Tage gemacht hatte, fiel da nicht ins Gewicht.

Folglich blieb nichts anderes, als wieder als Metzger zu arbeiten – auch wenn er das eigentlich nicht mehr tun wollte. Doch so konnte er zumindest den Lebensunterhalt sichern – nicht aber, ohne sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. Denn er hatte sich geschworen: „Wenn BWL, dann richtig.“ Verglich diverse Anbieter dualer Ausbildung. Fand so zur VWA, weil deren Abschluss im Vergleich zu dem der IHK besseres berufliches Vorankommen ermöglichen soll.

Mitte 2016 startete der Spätberufene seine Karriere als Studiosus. Das Lernen fiel ihm logischerweise schwerer als den Youngstern, mit denen er an den Wochenenden die Hörsaalbank drückte. Nicht nur, weil er wochentags bis zu 10 Stunden körperlich schwere Arbeit leisten musste, erst danach dann zum Lernen kam. Es ist nämlich auch gut möglich, dass Klaus direkt nach dem Seminar wieder in seinen REWE-Markt zur Spätschicht muss.

Seine Kolleginnen und Kollegen dort zollen ihm Respekt dafür, „dass ich in meinem Alter da noch einmal antrete“. Das motiviert ebenso, wie zu erleben, dass sein Lebensmotto „Der Wille ist der Weg zum Erfolg“ auch im Falle der VWA zutrifft. „Das geht alles schon irgendwie, ich muss aber eben manchmal auch etwas drei- oder viermal durcharbeiten, bis es sitzt.“ Manchmal helfe aber einfach auch nur, bestimmte Dinge auswendig zu lernen.

Am Ende zählt allein das Ergebnis: kürzlich hat er seine Zwischenprüfung bestanden.

Killian hadert zwar immer noch mit den Personalern, die ihn abblitzen ließen: „Selbst jetzt, da ich nun wirklich BWL studiere, kommt mir diese Fixierung damals auf den Abschluss wie vorgeschoben und als Krücke vor, um nicht Ältere, so wie mich, anstellen zu müssen.“

Killian steht darüber hinaus dem Zwang und Drang nach akademischen Titeln äußerst kritisch gegenüber: „Früher haben drei Jahre kaufmännische Ausbildung auch ausgereicht, ordentlich so einen Job als Kundenberater und Verkäufer machen zu können. Eine saubere Deckungsbeitragsrechnung konnte ich schon vor dem Studium vorexerzieren.“

Jetzt aber, zur Halbzeitpause seiner Studien, sieht er seiner Zukunft gelassen und optimistisch entgegen. „Es ist zum einen Einsicht in die Notwendigkeit, um eben diese eine Voraussetzung, den betriebswirtschaftlichen Abschluss, vorweisen zu können. Zum anderen bekomme ich hier bei der VWA natürlich auch viel mehr Detailwissen vermittelt. Weil wir alle nebenher ja zudem noch einen richtigen Job haben, fließt viel Alltagserfahrung ein. Das hat man sonst so kompakt nicht noch einmal. Das erweitert auch den Horizont.“

Und damit kennt er sich ja bestens aus. Denn trotz der vielen Verpflichtungen hebt er gerne immer wieder mal ab – mit einem seinem Gleitschirm. Das rückt dann auf einen Schlag jene Linie, wo Erde und Himmel sich berühren, in viel weitere Ferne. Lässt Raum zum Entspannen. Da oben sind die Gedanken frei. „...und es ist tatsächlich viel ungefährlicher als das Motorradfahren“, versichert Klaus Killian. Das sieht seine Frau auch so.

© Rainer Aschenbrenner, Gotha, 26. April 2018
Foto: privat