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Maßstab Mittelrhein-Modell

Gut 1.600 Angebote für duale Studiengänge gibt es laut Statista aktuell in Deutschland. Eines davon ist das Mittelrhein-Modell. Das wurde in den 1970er-Jahren von mittelständischen Unternehmen und der VWA Koblenz entwickelt. Es gehört immer noch in Rheinland-Pfalz zu den begehrtesten Weiterbildungsangeboten. Deshalb, weil wissbegierige Abiturienten eine kaufmännische Berufsausbildung mit einem sechssemestrigen BWL-Studiengang an der VWA Koblenz verbinden und zudem einen IHK-zertifizierten Abschluss als Fremdsprachenkorrespondent erlangen können. Eine, die diesen Weg beschritt, ist Tamara Müller.

Sie wollte nach ihrem Abitur 2015 unbedingt eine duale Ausbildung machen. Mit dem Wunsch war sie bei der Lohmann GmbH & Co. KG aus Neuwied goldrichtig, die ihr eben genau dieses Mittelrhein-Modell anbot.

Damit war die 1996 in Simmern (Hunsrück) geborene Tamara 2018 fertig und setzte gleich noch eins drauf – nämlich ihr Studium an der Fachhochschule Südwestfalen Iserlohn am Standort Meschede. Das entsprach ganz ihrem Motto, mit dem sie sich auf LinkedIn vorstellt: „Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können.“ Deshalb ist sie nun nicht nur Industriekauffrau und zertifizierte Fremdsprachenkorrespondentin sowie Betriebswirtin (VWA), sondern auch Bachelor of Arts (B.A.) Betriebswirtschaft. 

Immanenter Bestandteil dieses wie aller Bachelor-Studien war eine wissenschaftliche Arbeit. Die steht am Ende des Studiengangs an. Vor allem bei jenen Studierenden, die in Unternehmen arbeiten, werden dort berufspraktische Sachverhalte beleuchtet, analysiert, anwendbare Lösungen entwickelt. Das ist quasi ein zusätzlicher Mehrwert, eine Mitgift der künftigen Absolventen für ihre Arbeitgeber.     

Dies traf auch auf Tamara zu. Im Besonderen, da in der Lohmann GmbH & Co. KG schon einige Generationen das Mittelrhein-Modell durchlaufen haben und die Firma es als probates Mittel nutzt, sich mit qualifizierten, engagierten Berufsnachwuchs zu stärken – wie halt mit Tamara.

Sie hatte sich nun zum Ziel und als Thema gesetzt, das Mittelrhein-Modell mit anderen dualen Studienangeboten zu vergleichen. Ein Kriterium bei deren Auswahl war, dass es sich um regionale Angebote handeln sollte. 

So fiel die Wahl auf ein Angebot der Akademie Deutscher Genossenschaften e. V. (ADG) mit Sitz in Montabaur. Die bietet Führungskräften, Spezialisten, Vorständen und Aufsichtsräten aus Genossenschaftsbanken sowie genossenschaftlichen Unternehmen und kooperativen Organisationen ein breites Bildungs- und Qualifizierungsangebot. So richtet die ADG Business School mit der Steinbeis-Hochschule Berlin auf dem Campus Schloss Montabaur Studiengänge aus, die im Rahmen einer dualen Ausbildung Bachelor- und Masterabschlüsse in verschiedenen Studienrichtungen ermöglichen.

Als weiteren Bildungsträger für den Vergleich wählte Tamara die FOM Hochschule Bonn (kurz: FOM, früher Fachhochschule für Oekonomie und Management). Diese private, staatlich anerkannte Hochschule mit Hauptsitz in Essen und 32 Bildungszentren deutschlandweit bietet v. a. betriebswirtschaftliche und ingenieurwissenschaftliche sowie gesundheitswissenschaftliche und sozialwirtschaftliche Studiengänge für Berufstätige und Auszubildende an. 

In den Vergleich wurde zudem ein Vollzeitstudium Business Administration an der Hochschule Koblenz einbezogen. Dieses Angebot war zwar aus finanzieller Sicht günstiger, bot aber deutlich weniger Praxisbezug.

Mit Onlinerecherchen und Anfragen per E-Mail verschaffte sich Tamara einen Überblick. Fürs Mittelrhein-Modell war zudem hilfreich, dass ihr die Koblenzer VWA-Geschäftsführerin Sabine Müller Auskunft gab. Zudem erhielt Tamara Einblick in eine Umfrage aus dem Jahr 2015 unter den Abschlussjahrgängen 2010 bis 2014. Daran hatten Teilnehmer des ausbildungsintegrierenden und des berufsbegleitenden Modells teilgenommen.
 

Nach Sichten des Materials wandte sich Tamara an 57 Unternehmen in der Region und bat sie, einen von ihr entwickelten Fragenkatalog zu beantworten. Elf der angeschriebenen Firmen reagierten. „Ich hatte eigentlich mit einer größeren Resonanz gerechnet“, zeigte sie sich ernüchtert. Dies auch, weil trotz Erinnerungsmail nicht einmal eine Reaktion oder ein freundliches Abschreiben erfolgte. „Ich halte das da ganz anders – ich lese wirklich jede Mail und reagiere am selben Tag.“

Zudem war der Katalog mit zwölf Fragen knackig kurz. Da ging es u. a. darum, ob und aus welchen Gründen Unternehmen Absolventen eines Vollzeit-Hochschulstudiums oder jene aus dualen Studiengängen wie dem Mittelrhein-Modell bevorzugen. 

Weitere wichtige Fragen waren:
„Welche positiven Eigenschaften treffen besonders auf Mittelrheiner zu?“
„Weshalb unterstützen Sie die Teilnahme am Mittelrhein-Modell?“
„Was zeichnet Mittelrheiner in Ihrem Unternehmen aus?“

Seit Ende November liegt die 33 Seiten umfassende Bachelor-Arbeit zur Begutachtung beim betreuenden Wissenschaftler, bei Prof. Dr. Axel Kihm. Er hat am Fachbereich Management, Controlling, HealthCare der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen eine Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Financial Accounting, und ist dortiger Prodekan.

Übrigens; Tamaras Kontakt zur VWA Koblenz hat derweil eine völlig neue Qualität erreicht: Sie wechselte erstmals vor einigen Wochen die Perspektive: „Ich sehe nun die VWA und deren Studienangebot ab und zu von der anderen Seite, indem ich Aufsicht führe...“

Dies macht sie aber nur nebenher. Mit ihrem aktuellen Job in der Auftragsabwicklung und im direkten Kontakt mit den Kunden ist sie sehr zufrieden, fühlt sie sich pudelwohl. Und nach nun siebzehn Jahren auf diversen Schul- und Hörsaalbänken will sie deshalb auch erst einmal eine Weiterbildungspause einlegen. 

© Rainer Aschenbrenner, Gotha, 29. Februar 2019
Foto: privat