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Von der Politik zur Pflege – und zu den Bienen

Die Politikwissenschaft konnte ihn nicht halten. Das Ruhrgebiet dann auch nicht. Weil er sein Herz verlor, zog Sven Heinrich an den Rhein. Der Fachbereichsleiter einer Rehaklinik führt jetzt ein 54-köpfiges Team, machte jüngst seinen Abschluss als Betriebswirt an der VWA Koblenz – wobei ihm dabei Bienen halfen.

„Es war eine Katastrophe!“ So beschreibt Heinrich unumwunden und drastisch seinen Wiedereinstieg 2014 ins intensive Lernen. Sven, 1978 im thüringischen Jena geboren, habe viel Selbstdisziplin aufbringen müssen: „Nach dem Abitur das Studium der Politikwissenschaften an der Uni in meiner Heimatstadt – das war damals alles viel einfacher...“ 

Trotzdem hatte er schon nach vier Semestern die Reißleine gezogen. Die Politik wäre dann wohl doch nicht so sein Ding gewesen. Praktischeres suchte er, etwas mit mehr menschlichem Kontakt zudem. 

Den bekam er dann während seiner Ausbildung als Pflegefachkraft. Die Stelle dazu verschaffte ihm eine seiner Schwestern 2001, die in Gelsenkirchen in der gleichen Branche arbeitete.

Dafür wechselte Sven Heinrich also nicht nur den Beruf, sondern auch seinen Lebensmittelpunkt – ging vom Studentenstädtchen Jena ins Ruhrgebiet. Das machte ihn nicht nur zufriedener mit seinem Leben, sondern führte ihn 2008 direkt in die Arme seiner heutigen Frau. 

Die ist als Altenpflegerin zudem im gleichen Milieu unterwegs. Das schaffte ganz nebenbei sicher auch deutlich mehr Verständnis füreinander in beruflichen Dingen – auch in Sachen Weiterbildung.

Als Fachbereichsleiter habe er auch betriebswirtschaftlich denken müssen, obwohl er eine solch spezielle Qualifizierung nicht besaß. Deshalb wäre zunehmend sein Bedürfnis nach entsprechendem Wissen gewachsen, was ihn dann auf die VWA setzen ließ. „Vom ersten Gedanken daran habe ich die Familie in meine Pläne einbezogen. Mir war nämlich klar: Ohne deren Unterstützung wäre dieser Weg für uns alle nicht möglich gewesen.“

2014 war es dann, als er bei der VWA wieder Hörsaalbänke drückte: Seine für gewöhnlich schon langen Tage, die morgens 6 Uhr begannen, erhielten durchs VWA-Studium regelmäßig einen Nachtzuschlag, wenn er sich abends ins neue Wissen verbiss. Dazu kamen dann noch die Samstage rheinaufwärts in der Uni.

Heinrich brauchte zwar eine Sonderzulassung, konnte aber so sein Interesse an einer BWL-Qualifizierung in die Praxis umsetzen. 

Nun wird immer wieder die fehlende staatliche Anerkennung als Argument gegen einen VWA-Abschluss ins Feld geführt: Sven Heinrich indes hat da einen anderen, einen pragmatischen Fokus: Seine Firma, die BDH Klinik Vallendar, förderte seine Weiterbildung und setzt auf praxisrelevantes Wissen – und das biete fraglos die VWA. Zudem habe sich in den letzten Jahren die Zugkraft von Fort- und Weiterbildung im Allgemeinen dramatisch erhöht – Stichwort Fachkräftemangel. 

Und obwohl er selbst diesen Weg beschritt, fürchtet er ein kulturelles Phänomen: „Alle wollen Häuptlinge werden – nur die ,normale‘ Arbeit möchte kaum noch jemand machen.“ Auch in seiner Branche sei das so. Das führe dann zu körperlicher, meist auch psychischer Überlastung. 

In seiner Klinik wäre dies zwar nicht so akut, auch die Bezahlung stimme. „Aber wenn man den Blick weitet, fallen einem schon Dissonanzen auf.“ Heinrich erinnert an den jüngsten Tarifabschluss von Verdi fürs ungelernte Flughafenpersonal. „Sie bekommen nun 20 Euro die Stunde. Sei es ihnen gegönnt...“ Nach drei Jahren Ausbildung hoffe allerdings eine Altenpflegerin, wenigstens 16 Euro zu erhalten. Die bloße moralische Wertschätzung der Gesellschaft – so sie überhaupt erfolge – kompensiere solche Fehlentwicklungen nicht. Und auch Gesundheitsminister Spahns Plan, mehr Teilzeitkräfte zu mobilisieren, werde keinen Durchbruch bringen, wenn nicht die Pflege von Menschen sich am Ende für jene in Heller und Pfennig auszahle, die sie leisten.

Er steht auch auf Bienen. Solche, die Nektar sammeln und Honig liefern. Da schadet Geschäftssinn und -wissen auch nicht.

Wobei die Beschäftigung mit den summenden Insekten zunächst und überwiegend therapeutischen Zwecken diente. „Ich esse nicht einmal Honig...“ Die durchaus wehrhaften Tierchen hätten etwas Kontemplatives an sich. „Wenn man mit Bienen arbeitet, kann man die restliche Welt darüber vergessen.“ 

Seine Völker sind Waldbewohner. Die gute Stunde bei ihnen in völliger Abgeschiedenheit setze einen Ruhepunkt. Nicht zuletzt auch, weil Bienen keine hektischen Bewegungen mögen. Als er noch Imkernovize gewesen sei, hätte er zunächst nur zugeschaut. „Ich habe es genossen.“ Bienen lebten in völligem Einklang mit der Natur – weil sie nur so existieren können. Das müsse er auch der Imker akzeptieren: „Bienen lassen keine Eingriffe wider ihre Natur zu.“ 

Seine Leidenschaft für die Honigsammler teilt derweil seine jüngste Tochter, die natürlich standesgemäß gekleidet ist, brechen beide zu ihren Bienenstöcken auf. 

© Rainer Aschenbrenner, Gotha, 7. März 2019
Foto: privat