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Von Prüfungen, offenen Türen und klaren Worten

Koblenz. Die Innenstadt. Ein Mittwoch im September. Die VWA-Geschäftsstelle. Jasmin Zantis-Müller hat Termin für die mündliche Abschlussprüfung. Sie fühlt sich bestens vorbereitet. Bis der Prüfer die erste Frage stelle: „Wie hoch ist Ihr Einkommenssteuersatz?“ Kalt erwischt. Sie fühlt sich schon ein wenig überrumpelt. Braucht einen Moment, sich zu besinnen. Dann gibt es aber eine typische Zantis-Müller-Antwort: „Keine Ahnung. Aber ich muss immer weinen, wenn ich meinen Lohnzettel sehe.“ Etliche Fragen später hat sie aber auch diese Hürde geschafft. Ist – wie weitere rund 300 Frauen und Männer – beurkundete Betriebswirtin (VWA).

Nicht die erste Prüfung, der die Westerwälderin (Jahrgang 1975) etwas Besonderes verleiht. Auch jene zum Abschluss ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau ist allen Beteiligten in Erinnerung. Hochschwanger, drei Wochen vorm Geburtstermin, marschiert Jasmin damals da rein. „Die Prüfer waren schockiert.“ Sie hatte sich aber fest vorgenommen, trotz der ungeplanten Schwangerschaft ihre Ausbildung abzuschließen. 

Schließlich ging es um ihren Wunschberuf. „Ich wollte schon immer was Kaufmännisches machen.“ Nach zwei Bewerbungen gab ihr die RASTAL GmbH & Co. KG den Zuschlag – jene Marke, die jährlich rund 100 Mio. dekorierte Trinkgefäße herstellt.

Die Gesellenprüfung dann top, das Ausbildungsende dennoch ein Flop: Die alleinerziehende junge Mutter wurde nicht übernommen. Jasmin ließ aber die Flügel nicht hängen, obwohl sie nun von Sozialhilfe leben musste: „Ich bin eben ein voll positiver Mensch!“ Machte nebenher Gelegenheitsjobs für RASTAL, die Buchhaltung für die Baufirma eines Bekannten. Über das Landesprogramm „Arbeit statt Sozialhilfe“ kam sie 1998 an den Job in der Verbandsgemeinde Montabaur, in deren Finanzabteilung sie seit 2016 arbeitet.

Mit Zahlen hatte sie es immer schon. Wollte gern mehr aus dieser Neigung machen. So führte sie ihr Weg zur VWA nach Koblenz – wenn auch eher zufällig und durch Rat einer Arbeitskollegin. „Da hatte der aktuelle Kurs gerade angefangen.“ Der war dann am Nachmittag des gleichen Tages um eine wissbegierige Jasmin reicher.

Da war sie 39. „Ich musste das Lernen erst wieder lernen.“ Anstrengend sei’s gewesen und habe zugleich sehr viel Spaß gemacht. „Tolle Menschen habe ich außerdem kennengelernt.“ Mit einem selbst entwickelten Steno-System schrieb sie alles mit, ergänzte danach daheim. „Ich muss Sachen aufschreiben, dann verinnerliche ich sie.“ Eine Methode mit Erfolg – wie auch die Gründung der kleinstmöglichsten Lerngruppe: Jasmin infizierte ihre jüngere Schwester Nicole ebenfalls mit dem VWA-Virus. „Zu zweit zieht man besser durch.“

Selbst ihren derweil 21-jährigen Sohn bewegte sie zum Hörsaalluft-Schnuppern. Dem gelernten Dachdecker lag jedoch das neuerliche Büffeln nicht so. Das fand aber Mama Jasmins Verständnis: „Ein jeder sollte seine Erfahrungen machen. Nur so lernt man, findet sich selbst.“

Da spricht ganz sicher jemand aus eigner Erfahrung. Schließlich hat ihr direkter Vorgesetzter ihr VWA-Engagement all die Zeit eher reserviert betrachtet. Sie ficht das aber nicht an: „Nicht nur der Arbeitnehmer muss interessant sein, auch der Arbeitgeber.“ Jasmin Zantis-Müller ergänzt beinahe schon ein bissl altersweise und durchaus philosophisch: „Es geht immer mal eine Türe auf. Dann muss man nur noch den Mut haben, durchzugehen.“ Den hat sie allemal. Mut übrigens auch, gleich noch jetzt den Bachelor of Arts anzugehen. „Wenn ich einmal etwas anfange, dann mit all meiner Bissigkeit, es durchzustehen.“
 

Die frisch gebackene Betriebswirtin sitzt derweil aber auch an einer Rede. Acht Wochen vor der Diplomübergabe am traditionellen Ort in der Kulturhalle Ochtendung Ende Oktober ist das ihr Privileg als Hörersprecherin. Amüsiert erzählt sie über die Ur-Version, die sie nun deutlich straffen wolle: „Wie im wahren Leben habe ich wieder einmal zu viel gebabbelt.“ Das muss übrigens zu Studienbeginn auch Akademieleiter Professor Heinz Kußmaul aufgefallen sein, denn er animierte Jasmin zur Kandidatur für den Sprecherin-Job.

Und ganz gewiss war er auch von ihrer Art beeindruckt, stets gerade heraus zu sein und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und das selbst bei Prüfungen.

Quod erat demonstrandum.

(c) Rainer Aschenbrenner, Gotha, 12. September 2017